Sowohl Traum als auch Film vermitteln das Gefühl an einer Welt teilzuhaben, die mit unserer Realität oft nur wenig zu tun hat. Sie affizieren unsere Gefühlswelt auf eine direkte Art und Weise, lassen uns Dinge und Orte erleben oder wiedererleben, und lassen uns lebendig fühlen. Nicht verwunderlich ist es deshalb das gerade das Sujet des Traums im Film so oft aufgegriffen und oft auch stimmig umgesetzt wird. In “Inception” wird er zu einem Bauwerk aus Vorstellungskraft und Erinnerungen, ein Hochhaus, dessen Räume scheinbar unermässliche Landschaften und überfüllte Städte bergen, dessen Treppen endlos weiterlaufen und doch ins Leere führen. Man fällt von einem Traum in den anderen, von einem Film in den nächsten. Wo man landet bleibt aber ungewiss. Wie eine Spirale dreht sich dieser Film in unsere Köpfe, die Bilder und Erinnerungen trägt, die das Kino zwar schon oft gesehen hat, aber nichtsdestotrotz einen originalen Eindruck hinterlässt: schöne Bilder, kräftige Musik und hübsche Menschen, um nicht zu sagen Schauspieler. “Inception” kombiniert Spionagethriller, Wirtschaftskrimi, Familiendrama und schließlich Science Fiction zu einer visuellen Oper. Die Idee ist gut und für die Welt so aufbereitet, dass sie sich gut verkaufen lässt. Die Dialoge sind eher platt, die Musik dafür umso dramatischer, der Cast ist mäßig, dafür aber mächtig berühmt und teuer. Aber: alles erfüllt seinen Zweck, um einen guten Film abzugeben. Und wie bei der Oper ist es das Werkel im Schatten der Bühne, das das Ganze erst richtig gut macht. So ist es auch bei diesem Film: der Plot ist gut und komplex genug, um sich in die Geschichte vertiefen zu wollen. Die Traumwelten und -vertsrtickungen spielen jedenfalls einwandfrei den Spezialeffekten zu, die eindeutig die Hauptrolle in “Inception” spielen und diesen auch so sehenswert machen.
August 6, 2010
2 Kommentare »
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Habe mich eben mal durch deine Filmbeiträge geklickt und wollte dir nur mal kurz einen guten Filmgeschmack attestieren.
Kommentar von rhodok — August 9, 2010 @ 9:40 am
Ohne überschwinglich klingen zu wollen, ist diesem (man möchte sagen brillianten) Gesamtbild wohl kaum viel hinzuzufügen. Chapeau
Aber ich sage dem Gesamtbild – und in diesem Sinne möchte ich versuchen, eure Augen auf einige Details zu lenken, die in einer Rezension im Allgemeinen wenig Platz beanspruchen dürfen:
Da wäre zuallererst das, was du treffend als ‘Wirtschaftskrimi’ bezeichnet hast. Nolan zeigt eine Zugangsweise, die im Gesamtpaket mit Ästhetik und Originalität befriedigen kann. Es erscheint als kluger Schachzug, dass auf nähere Umstände mit keinem Wort eingegangen wird, dass der Zuseher vor eine Realität gestellt wird wie sie der Schöpfer wahrgenommen sehen will. Dass das so ohne weiteres funktioniert, dass wir nicht hinterfragen können und wollen, liegt unter anderem daran, dass nicht nur die filmische Wirklichkeit so konstruiert wird, sondern ebenso unsere eigene, alltägliche. Die Strippenzieher, die Monopolisten, die Weltenplaner, die Konzernkönige, die uns fern in eigenen Sphären schweben, wären sicher bereit über Leichen – oder in diesem Fall über Träume – zu gehen, um zu reüssieren. Cob, als Protagonist mit dem wir uns selbst zu identifizieren haben, braucht natürlich einen wesentlich stärkeren Grund um sich auf solche Machenschaften einzulassen; es ist seine romantische Tragik, welche die Kollaboration rechtfertigt. Hier findet keine eigentliche Entwicklung statt: wie in Memento ist es die Rekonstruktion der Beweggründe, die den Plot vorantreibt.
Die einzige Charakterentwicklung der wir tatsächlich linear zusehen könnten, wäre die von Ariadne – und auch hier geschieht, in Wahrheit, nichts: es ist ein Intensivkurs in Illusions-Architektur den sie durchläuft, sie, die von vornherein begabt und originell ausgestattet ist, mit Verantwortungsbewusstsein und Empathie. Wohin eigentlich, fragt man sich, soll sich diese sympathische, kluge Person eigentlich noch hin-entwickeln? Ellen Page ist die mythologische Ariadne, die den Faden hält der Cob aus dem Labyrinth führen kann in das er sich selbst verstrickt hat. Nolan arbeitet nicht linear, das ist eine Binsenweisheit; aber auch nicht zirkulär, denn wir sind am Ende nicht mehr ganz da, wo wir angefangen haben. Inception ist ein Film voll Referenzen, ein Film über Erinnerungen, der sich der eigenen Erinnerungen bedient, mit einem rot aufleuchtenden Warnschild davor, was passiert wenn wir uns zu sehr in der Vergangenheit verlieren. In der Gesamtschau lässt sich seine Philosophie vielleicht festmachen: als Gleichzeitigkeit von gestern und heute mit einem eindeutigen Ziel, einer Absicht, als kausale Kette, die auf den ersten Blick verwirrt, mit dem Ziel einer unumstößlichen Logik, einer einzelnen Wahrheit den ihr gebührenden Platz zurückzugeben. So ist Cob die Hauptperson, und alles andere ein Grund für sein Handeln – auch die NebendarstellerInnen, die immer einzelne Ideen bleiben.
Die paradoxe Stiege (wohl der plumpeste Einzeiler des Films – ‘Paradox!’) bezieht sich auf Eschers ‘Infinite Staircase’ und zeigt eine Einbindung von Einzelheiten, die für sich genommen logisch sind, in ein Gesamtbild, in dem optische Illusionen das Gehirn verwirren und zu träumerischer Fantasie werden. In einer solchen Struktur gibt es kein passives Sehen, die Geschehnisse werden vom Gehirn aktiv interpretiert, und einer Interpretation kann es sich nicht entziehen. Es ist die Gestaltpsychologie der sich Nolan hier bedient, jener Diktion, dass das Ganze mehr ist als seine Einzelteile, dass es vor einer Illusion kein Flüchten gibt, auch wenn sie streng genommen unmöglich ist.
Innerhalb dieses Rahmens ist auch die Filmmusik die Variation eines einzigen Themas – konstruiert und manipuliert aus Edith Piafs ‘Non, je ne regrette rien’. Der Bewegung zwischen den einzelnen (Traum-) Ebenen wird mit dessen Hilfe Nachdruck verliehen und Orientierungshilfe geleistet. Die Musik zementiert aber auch, und das erscheint mir fast wichtiger, Nolans große Leistung des Fragmentierens und Wieder-zusammensetzens. Sie umrahmt die Puzzle-Teile, die wir zusammensetzen müssen um das größere Bild sehen zu können, das sich nicht in einem Zug darstellen lässt. So kann ein Blockbuster doch zu eigener Denkarbeit verführen, und für zweineinhalb Stunden trotz Verfolgungsjagden, Explosionen und Schießereien, originell wirken.
‘Nicht aus der Realität bauen’ ist der Imperativ, den Cob Ariadne mitgibt – und wir finden uns in einer Replikation von On Her Majesty’s Secret Service wieder. Sich auf Nolans kleine große Welt einzulassen ist eine Vorbedingung, um Inception genießen zu können: es ist Coleridges willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit die er uns wieder näherbringt und zelebriert. An Coleridge erinnert uns nicht nur die Entführung in opium-getränkte Traumwelten, wie sie durch die im Hinterzimmer liegenden Schläfer illustriert wird. Es ist die Akzeptanz der Fiktion, der Eckpfeiler einer Fantasie, innerhalb derer sich eine Geschichte zusammensetzt. Hans Zimmer beschrieb denn auch die große Leistung von Inception als ‘Zeitreise-Film, der tatsächlich funktioniert’. Als Gebrauchsanweisung könnte sich der/die ZuseherIn also an Shakespeares Heinrich V zurückerinnern: ‘Make imaginary puissance [...] ’tis your thoughts that must deck our kings. […] Turning th’accomplishment of many years into an hourglass.’
Wie durch Zufall ist ‘Hourglass’ auch der Titel, unter dem Inception in die Kinos geliefert wurde.
Kommentar von lieni — August 14, 2010 @ 5:36 pm